Prof. Dr.-Ing. Christian Endisch
Leiter des Instituts für Innovative Mobilität (IIMo), Studiengangleiter und -fachberater "Applied Research in Engineering Sciences" (Master)
An Traktionsmaschinen für vollelektrische und hybride Elektrofahrzeuge werden hohe Anforderungen in Qualität, Leistungsdichte und Kosten gestellt. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, muss neben dem Design der Maschine auch deren Fertigung optimiert werden. Dieser Optimierungsbedarf betrifft auch die Produktion der in den Antrieben verbauten stromführenden Kupferdrahtwicklungen.
Die Nadelwickeltechnik ohne Endscheiben ermöglicht ein exaktes Ablegen von Kupferlackrunddrähten in die Blechpaketnuten von Statoren elektrischer Antriebe. Diese präzise Drahtablage bietet das Potential, maximale Kupferfüllgrade bei kompakter Bauweise zu erreichen und nachgelagerte Prozesseschritte in der Antriebsfertigung zu automatisieren. Aktuelle Marktentwicklungen zeigen zudem, dass fremderregte Synchronmaschinen für den Einsatz im Antriebsstrang von Elektrofahrzeugen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Damit erweitert sich der Anwendungsbereich der Nadelwickeltechnik um die Herstellung optimierter konzentrierter Rotorwicklungen.
Im Rahmen der öffentlichen Förderprojekte „HochflexibleEMProd“ und „ZukunftEMaschine“ sowie in einer Reihe von kooperativen Forschungsprojekten mit der Industrie konnte am Institut für Innovative Mobilität umfangreiches Know-how in der Umsetzung optimierter Wickelschemata mittels Nadelwickeltechnik generiert werden. Gegenstand aktueller Forschung ist die Bündelung und Ergänzung des vorhandenen Prozesswissens in einem automatisierten Produktentstehungsprozess mit dem Ziel, Innovationszyklen zu beschleunigen sowie Aufwand und Kosten für die Umsetzung neuer Wickelprodukte zu senken.
Der Industriestandard für die Herstellung von Drehfeldstatoren mit Kupferrunddrähten ist die Einziehtechnik. Diese besitzt Nachteile, die sich vor allem im Bereich der Elektromobilität zeigen. Zum einen sind der Kupferfüllgrad und damit die Leistungsdichte begrenzt. Zum anderen sind bei nachgelagerten Prozessen in der Fertigung viele manuelle Tätigkeiten notwendig, die zu hohen Stückkosten und größeren Abweichungen in der Qualität führen.
Ziel dieses Forschungsprojekts der Förderrichtlinie FHprofUnt ist die Weiterentwicklung und Optimierung der Nadelwickeltechnik hin zu einem digitalen Produktentstehungsprozess, der – ähnlich zu CAD/CAM – eine automatisierte Umsetzung der elektromagnetisch optimierten Wicklung auf flexiblen Nadelwicklern ermöglichen soll. Die Realisierung dieses Prozesses erfordert die Bearbeitung abwechslungsreicher Themenfelder wie automatisierte dynamische Trajektorienplanung, Konzeption innovativer Wickelkonzepte, Drahtzugmodellierung und -Regelung, Nutzung Lernfähiger Systeme zur Prozessoptimierung und Entwicklung von Automatisierungskonzepten für nachgelagerte Fertigungsschritte.
Durch eine Nadelwickelanlage mit intelligenter Steuerung sollen die Grundideen von Industrie 4.0 im Bereich der Elektromotorenproduktion umgesetzt werden. Dadurch wird eine enge Verzahnung von Auslegung, Produktionstechnologie und dem realen Produkt möglich und es besteht das Potential, Kosten zu senken und die Produkteigenschaften zu verbessern.
Im Rahmen des Förderprojektes „Anlage zur hochflexiblen Statorfertigung von Antrieben für Elektrofahrzeuge im Umfeld von Industrie 4.0 (HochflexibleEMProd)“ der Förderrichtlinie FHInvest konnte eine Anlage an der Technischen Hochschule Ingolstadt realisiert werden, mit der sich die beschriebenen Ziele verfolgen lassen. Das Projekt umfasste die Beschaffung einer hochflexiblen Nadelwickelanlage, einer Draht-Identifikationseinheit, sowie weiterer für den Betrieb erforderliche Einzelkomponenten.
Eine Programmierung der Wickelanlage über den neuen Ansatz der intelligenten Trajektorienplanung war aufgrund vorangegangener Projekte bereits zur Inbetriebnahme möglich. Ebenso vor Projektstart erfolgte eine grundlegende Untersuchung des Drahtspannungsverhaltens mit Handvorrichtungen. Die Entwicklung eines detaillierten Drahtspannungsmodells, welches zur Regelung der Drahtspannung unerlässlich ist, erfolgt darauf aufbauend mit der im Projekt realisierten Draht-Identifikationseinheit.
Die auf der Wickelanlage produzierten Prototypen lassen sich unter Anwendung Lernfähiger Systeme wissenschaftlich analysieren. Die Analyse wiederum ermöglicht die Optimierung von Produkt und Fertigungsprozessen. Die getätigten Investitionen bilden daher seit Ende 2018 die Grundlage für die Weiterentwicklung der Nadelwickeltechnik am Institut für Innovative Mobilität und werden auch zukünftig viele wertvolle Erkenntnisse für die Forschung an der Technischen Hochschule Ingolstadt liefern.
Beide Projekte werden gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Förderprogramms Forschung an Fachhochschulen (Förderkennzeichen ZukunftEMaschine 13FH210PX6, Förderkennzeichen Hochflexible EMProd 13FH077IN6).