Bild mit Datenrecorder und Beispieldatensätzen vor dem Hintergrund eines möglichen Fahrzeugcrashs
Ereignisdatenrekorder für Automatisiertes Fahren [K. Böhm (THI)/ FSD GmbH]

Ein wesentlicher Sinn und Zweck der immer stärkeren Verbreitung der Fahrerassistenzsysteme ist, die Vision Zero, also das Ziel von Null Verkehrstoten, zu erreichen. Dieses Ziel ist erreichbar, indem menschliches Versagen als hauptsächliche Unfallursache durch weiterentwickelte Assistenzsysteme bzw. durch automatisiertes Fahren eliminiert wird. Eine breite Akzeptanz dieser Systeme in der Bevölkerung kann es jedoch nur geben, wenn die Unfälle, die trotz der Systeme geschehen, vollständig durch unabhängige Untersuchungen aufgeklärt werden können.


Für die bereits auf dem Markt befindlichen Fahrzeuge mit aktiven/autonomen Sicherheitseinrichtungen reicht die klassische Unfallanalyse nicht aus, um viele Unfälle vollumfänglich aufzuklären. Aus unfallanalytischer Sicht, vor allem im Hinblick auf zukünftig hochautomatisierte Fahrzeugsysteme, ist ein entsprechend ausgestalteter, standardisierter EDR (EventDataRecorder) als unbedingt notwendige Forderung an den Gesetzgeber zu formulieren.

Dabei erscheint eine breit angelegte Kooperation aus Sachverständigenorganisationen, wissenschaftlichen Einrichtungen, Versicherungen, Zulieferern, den OEMs sowie der Justiz als am zielführendsten, um diese Forderung auch tatsächlich umzusetzen. Ziel muss zumindest ein europäischer, am besten aber ein weltweiter Standard sein. Die dafür gegründete Arbeitsgruppe AHEAD unter Beteiligung der THI verfolgt genau diese Vision:

Rechtssicherheit und Datenschutz für alle durch einen obligatorischen, standardisierten EDR für automatisierte Fahrzeuge.

Die Kerngruppe von AHEAD umfasst folgende Stakeholder:

Darüber hinaus genießt AHEAD im Rahmen eines erweiterten Arbeitskreises die Unterstützung weiterer Institutionen und Experten, namentlich:

  • Jörg Ahlgrimm, ehemaliger Bereichsleiter DEKRA Unfallanalyse/ Unfallfoschung, Präsident der EVU, European Association for Accident Research and Analysis,
  • Jürgen Bönninger, Direktor Fahrzeugsystemdaten GmbH, Dresden
  • Armin Kast, Kast GmbH, Unfallrekonstruktion und EDR-Analysen, Heidenheim
  • Ralf-Roland Schmidt-Cotta, Rechtsanwalt, ehemals Continental Automotive, Consultant Kienzle Argo GmbH, Berlin und
  • Dr.-Ing. Michael Weyde, Unfallrekonstruktion und EDR-Analysen, Berlin.

Diese erweiterte AHEAD-Kreis nimmt Einfluss auf EDR-relevante Gesetzesänderungen auf EU-Ebene sowie in den entsprechenden Gremien der UNECE (siehe Liste der Veröffentlichungen).
Seit Anfang 2019 ist auch die ADAC Unfallforschung, Landsberg am Lech, in Person von Frau Isabella Ostermaier in beratender Funktion im erweiterten AHEAD Arbeitskreis aktiv.
Zusätzlich werden in 2019 Workshops mit interessierten Automobilherstellern durchgeführt, um die bereits von AHEAD detailliert ausgearbeitete Datenbasis für einen EDR der Zukunft konstruktiv weiter zu entwickeln.
Kern des AHEAD-Konzepts ist die Clusterung der gespeicherten Daten in vier standardisierten Datenkategorien (driving data, driver activity, surroundings and object recognition, crash) wie auf Bild 1 visualisiert.

Bild 1: Vier standardisierte Datenkategorien mit Fokus auf automatisiert eingreifende Systeme [K. Böhm (THI)/ FSD GmbH]
Bild 1: Vier standardisierte Datenkategorien mit Fokus auf automatisiert eingreifende Systeme [K. Böhm (THI)/ FSD GmbH]

Bild- und Videodaten als Schlüssel

Bild 2: Gegenüberstellung der realen Spurenlage mit Sensorfusionsdaten als erweiterte Unfallrekonstruktion (auch im Fahrzeuginnenraum)- die Verschiebung des blauen Rahmens um das Object Vehicle könnte evtl. auf fehlerhafte Sensoreinstellungen hindeuten. [K. Böhm (THI)/ FSD GmbH]

Die bisherigen Untersuchungen zeigen unter anderem, dass der Speicherung von Fotos bzw. Videos, die durch die Systeme selbst generiert werden, ein erhebliches Potenzial zur Unfallaufklärung zukommt. Dabei gilt das Motto „Ein Bild sagt mehr als tausend Terabyte“.

Das reale Bild könnte dabei durch virtuelle, perspektivische Einblendung der Objekt- und Sensorfusionsdaten, die im Datenmodell nach AHEAD aufgezeichnet werden, eine Kontrollinstanz darstellen. Damit ließe sich, in Verbindung mit einer genauen Vermessung der Unfallörtlichkeit und der dort vorgefunden, klassischen Kollisionsspuren (z.B. Schlagmarken, Reifenspuren usw.), überprüfen, ob das Bild, dass das Fahrzeug zum Unfallzeitpunkt intern von sich, der Umgebung und allen beteiligten Verkehrsteilnehmern hatte, mit der Realität übereinstimmt oder ob Hinweise auf fehlerhaft eingestellte Sensoren oder Systemfehler gegeben sind. Zudem stellt ein derart aufbereitetes Mixed Reality Bild eine optimale Möglichkeit dar, einem Laien, wie es in der Regel beispielsweise ein Richter ist, einen technisch komplexen Sachverhalt anschaulich darzustellen.
Da diese Bilddaten nur ereignisbezogen gespeichert werden, ist nach Ansicht von AHEAD dies datenrechtlich zulässig und notwendig. Die Datenaufzeichnung sollte in guter Bildqualität erfolgen, um möglichst geringe Toleranzen bei der Rekonstruktion zu erzielen.
AHEAD ist mit dem Anspruch angetreten, ein Datenkonzept zu entwickeln, dass Rechtssicherheit und gelebten Datenschutz für alle bringt.

Positionspapier AHEAD